Hinter den Kulissen von Mexikos Politik gegenüber den Narcos – Teil 2
Die Übertragung vieler ziviler Aufgaben auf das Militär durch Ex-Präsident López Obrador hat nicht nur zu Korruptionsskandalen in den bisher als ehrbar geltenden Streitkräften geführt, sondern auch zu Kompetenzgerangel im Bereich der Sicherheit. Der zivile, junge Sicherheitsminister ist beliebt, aber auch umstritten.
Über Kreuz mit dem Militär

Am Ende ist García Harfuch sehr wohl ein strategischer Politiker: Als er die Festnahmen ankündigte, spielte er die Differenzen mit dem Militär herunter. Er verteidigte das Marineministerium als Institution und Ex-Minister Ojeda Durán als Person und sagte, ein paar faule Äpfel würden den Rest nicht verderben. Dabei heißt der Spruch ja genau umgekehrt, „ein fauler Apfel verdirbt den ganzen Korb“. Und das gilt erst recht für lateinamerikanische Länder, wo persönliche Beziehungen, nicht objektive Wahrheit die Richtschnur für Entscheidungen sind. Doch mit dem Militär liegt García Harfuch seit dem Amtsantritt der Regierung Sheinbaum im Oktober 2024 über Kreuz wegen der offensichtlichen Kompetenzüberschneidungen im Bereich der Sicherheit und der überproportionalen zivilen Macht, die das Militär unter Präsident AMLO erhalten hatte und jetzt zum Teil abgeben soll. So sollte das Militär das ehemals zivile CNI an ziviles Personal des Sicherheitsministeriums von García Harfuch übergeben. Doch die Übergabe wurde bis April 2025 hinausgezögert und dann nahm das Militär einfach alle Computer mit.
Bei der Pressekonferenz zur Operation gegen „El Mencho“ am 23. Februar 2026 weigerte sich Verteidigungsminister Trevilla Trejo, seinem Kollegen García Harfuch die Hand zu geben. Trevilla hatte zuvor bei der Verkündigung der Opferzahlen auf Seiten der Soldaten geschluchzt, sich aber gefangen und gesagt, die Mission sei erfüllt worden und habe die Stärke des Staates klargestellt. Im Hintergrund kämpft García Harfuch auch gegen die Korruption in seiner eigenen Partei. Bei der Strafverfolgung des Steuerbetrugs konnte er im März 2025 einen Riesenfund vermelden: Im Hafen von Tampico, Tamaulipas, wurden rund 20 Millionen Liter illegaler Diesel an Bord des Schiffes Challenge Procyon beschlagnahmt. Beim Zoll waren offiziell 10 Millionen Liter einer nicht IEPS-steuerpflichtigen Flüssigkeit angegeben worden. Doch an die Drahtzieher und Nutznießer auf politischen Posten kommt er nicht heran, auch wenn er in einem aktuellen Interview betonte, „natürlich müssen wir die [politische] Komplizenschaften bekämpfen“. Der Generalstaatsanwalt von Mexiko, Alejandro Gertz Manero, der die Aufklärung des Falls unter AMLO verhindert haben soll, wurde im November 2025 ersetzt und als Botschafter nach Großbritannien geschickt. Auch der Direktor der nationalen Spezialstaatsanwaltschaft für Organisiertes Verbrechen (FEMDO), in deren direkter Verantwortung die Strafverfolgung des Steuerbetrugs, wurde entlassen.
Nähe zu Staatskriminalität

So makellos, wie García Harfuch äußerlich erscheint, ist er nicht. 2014, zum Zeitpunkt des Verschwindens von 43 Studenten aus Ayotzinapa in Iguala, war er Polizeichef im Bundesstaat Guerrero. Die erste Version über der Vorkommnisse der damaligen Regierung unter Präsident Peña Nieto stellte diese als reines Verbrechen eines Drogenkartells dar. Diese Version wurde als „verdad histórica“, auf Deutsch „historische Wahrheit“, bekannt und lächerlich gemacht, weil der damalige Oberstaatsanwalt Murillo Karam sie 2015 in seiner offiziellen Erklärung zu dem Fall so nannte. Garcia Harfuch tauchte im Vorfeld der Erklärung in Anwesenheitsprotokollen zu den Sitzungen zu dem Fall auf. Erst unter AMLO wurde durch eine Sonderkommission bestätigt, dass staatliche Akteure, vor allem Militär und Polizei an dem Verbrechen beteiligt waren. Außerdem arbeitete García Harfuch bei der Bundespolizei unter dem Kommando von Luis Cárdenas Palomino. Dieser war an der medialen Inszenierung der Festnahme der Französin Florence Cassez als angeblicher Entführerin beteiligt und damit an der Fabrikation falscher Beweise.
Cárdenas Palomino sitzt derzeit in Mexiko wegen Folter bei der Festnahme weiterer mutmaßlicher Entführer im Fall Cassez in Mexiko im Gefängnis. Die US-Justiz hat ihn außerdem angeklagt, Bestechungsgelder vom Sinaloa-Kartell angenommen zu haben, ebenso wie sein früherer Chef, Sicherheitsminister García Luna, der dafür in den USA bereits verurteilt wurde. Anabel Hernández, mexikanische Journalistin und Spezialistin für Korruption und Kriminalität, gibt zu bedenken, dass García Harfuch als junger Polizist und Beamter einem System diente, das eben gerade nicht gegen hohe Funktionäre vorging, sondern diese deckte. Sie nennt ihn ein Mitglied des „Drogenpolizisten-Kartells“ von García Luna. Die aktuelle Operation gegen „El Mencho“ sei nur eine Säuberung des letzten Vertreters der alten Garde von Drogenbossen gewesen, nach Joaquín Guzmán Loera alias „El Chapo“ und Ismael Zambada García alias „El Mayo“, die beide in den USA inhaftiert sind. Nun könne eine neue Generation übernehmen.
Schweres Erbe

Nach Hernández Recherchen kam García Harfuch auch nur durch Vetternwirtschaft zur Polizei. Er stammt aus einer mächtigen Familie. Sein Großvater war Gouverneur des Bundesstaates Jalisco sowie mexikanischer Verteidigungsminister und als solcher 1968 für das Massaker an Studenten auf dem Tlatelolco-Platz verantwortlich, wofür er nie gerichtlich belangt wurde. Sein Vater war Chef einer Ermittlungsbehörde, der in den 1970er Jahren Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen wurden. Er bekleidete danach zwei Ministerämter in Mexiko, war Präsident der PRI-Partei und sogar als Kandidat für die Präsidentschaft Mexikos im Gespräch. Im Haus des Vaters in Jalisco soll laut Zeugenaussagen auch der Drogenboss Amado Carrillo Fuentes alias „El Señor de los Cielos“, Anführer des Juarez-Kartells, zu Gast gewesen sein und Kokainlieferungen besprochen haben. García Harfuchs älterer Halbbruder Javier García Morales soll selbst Anführer des Colima-Kartells gewesen sein, er wurde im September 2011 in Guadalajara vor einem Café erschossen.
García Harfuch könnte bei dieser Familiengeschichte theoretisch auch ins Gegenteil umgeschlagen sein, aber sicher ist, dass er die Kontakte seiner Familie für seine Karriere nutzte. 2008 war er gegen die Vorschriften und ohne polizeiliche Ausbildung in den Polizeidienst aufgenommen worden, während García Luna Sicherheitsminister war, schreibt Anabel Hernández. Luis Cárdenas Palomino, der damals Direktor für private Sicherheitsunternehmen der Bundespolizei war, habe García Harfuch den Job bei der Polizei verschafft und sei sein Mentor, Beschützer und einer seiner besten Freunde geworden. Er habe García Harfuch befördert, obwohl dieser aufgrund verschiedener Unregelmäßigkeiten, wie Razzien ohne Durchsuchungsbefehl, sowie „Unfähigkeit und Ineffizienz“ aus dem Dienst entfernt werden sollte. Hernández fügt hinzu: „Ich habe die Dokumente seiner Vertrauensprüfungen aus der Zeit von García Luna veröffentlicht, in denen er komplett durchgefallen ist.“
Falsche Freunde

2016 wurde García Harfuch Direktor der Kriminalpolizeiagentur der Staatsanwaltschaft und damit direkter Nachfolger eines der Angeklagten im Fall Ayotzinapa, der nach Israel flüchtete, um einer Strafverfolgung zu entgehen. Bei seinem Aufstieg durch die Institutionen distanzierte sich García Harfuch nicht von seinen alten Bekannten aus der Polizei von Guerrero und um Cárdenas Palomino, sondern gab ihnen nun seinerseits höhere Posten. Unter ihnen waren auch Edgar González Ortiz und Rafael Ocampo Alegría. Die beiden ehemaligen Leibwächter von Cárdenas Palomino wurden dann Leibwächter von García Harfuch in dessen nächsten Funktion als Polizeichef in Mexiko-Stadt. Es waren ausgerechnet diese beiden, die 2020 bei dem Attentat auf García Harfuch ermordet wurden.
Bereits 2008, dem Jahr, in dem García Harfuch in die Bundespolizei eintrat, hatte ein mutiger Kommissar die Verbindungen zwischen García Luna und Cárdenas Palomino mit dem Organisierten Verbrechen angezeigt. Er verbrachte daraufhin aufgrund von fabrizierten Beweisen – nach demselben Schema wie im Fall Cassez – sechs Jahre unschuldig im Gefängnis. Währenddessen hatte 2012 der gefasste Drogenboss Edgar Valdez Villarreal alias „La Barbie“ die Anschuldigungen bestätigt. Da es Cárdenas Palomino in einem öffentlichen Amt bei der Polizei zu heiß wurde, ging er in die Privatwirtschaft und kümmerte sich fortan um die Sicherheit des mexikanischen Unternehmers Ricardo Salinas Pliego, Besitzer des Fernsehsenders TV Azteca und der Kaufhauskette Elektra. Erst im Juli 2021 wurde Cárdenas Palomino festgenommen. Von November 2021 bis Januar 2023 hatte García Harfuch eine private Beziehung zur Tochter des Unternehmers, Ninfa Salinas Sada. Zufall oder ein Hinweis darauf, dass er und Cárdenas Palomino sich weiterhin in denselben Zirkeln trafen.
Umstrittene Führung

Aufgrund von García Harfuchs Nähe zu dem „Drogenpolizisten-Kartell“ war Ex-Präsident López Obrador dagegen, dass seine Nachfolgerin Sheinbaum ihn als Sicherheitsminister in ihre Regierung beruft. Angeblich soll AMLO Sheinbaum zwei Bedingungen für seine Zustimmung auferlegt habe: Erstens sollte die Nationalgarde weiterhin dem Verteidigungsministerium unterstellt bleiben, obwohl García Harfuch sie in sein ziviles Sicherheitsministerium eingliedern wollte. Zweitens sollte das Innenministerium, das Teil des Sicherheitskabinetts ist, mit einer treuen Anhängerin von AMLO besetzt werden, Rosa Icela Rodríguez. Beides passierte so und erklärt die Spannungen zwischen García Harfuch und dem Militär. In Interviews gibt er sich bescheiden. „Ich leite das Sicherheitskabinett nicht, sondern die Präsidentin. Ich habe ein extrem starkes Team, auf das ich sehr stolz bin. Ich glaube nicht für einen Moment, nicht für eine Sekunde, dass ich das Problem der Sicherheit löse. Das lösen die Institutionen und das Kabinett“, sagte García Harfuch Ende Dezember 2025.
Dass man ihn Batman nenne, schmeichele ihm nicht, „aber meine Arbeit ist auch, den Kopf für mein Team hinzuhalten für das, was ich tun muss. Also das beunruhigt mich nicht. Ich mache das gerne. Aber in mir und in meinem Team wissen wir, dass ich es nicht allein bin“, so García Harfuch. Dank der guten Koordination unter den Institutionen und der Aufstockung der Ressourcen für Ermittlung und Strafverfolgung sei die Mordrate in Mexiko-Stadt während seiner Amtszeit als Sicherheitschef von 2019 bis 2023 um fast 50 Prozent zurückgegangen, Überfälle um mehr als 60 Prozent. Dieselbe Tendenz zeige sich nun auch in ganz Mexiko mit 37 Prozent weniger Morden innerhalb eines Jahres zwischen September 2024 und November 2025. Straftaten könnten nicht vermieden werden, aber „wir arbeiten jeden Tag, damit diese Fälle nicht straffrei bleiben.“ Die hohe Straflosigkeit ist immer noch eins der größten Probleme in Mexiko. Andere kaufen García Harfuch die schönen Worte und angeblichen Erfolge nicht ab: „Batman ist ein Handlanger der Diktatur. Und er tut, was ihm der Zopf [Spitzname für Präsidentin Sheinbaum] befiehlt“, kommentiert ein Mexikaner unter einem Artikel zur Operation gegen „El Mencho“.
Vorbild für etwas Normales

Jedenfalls werden die Welle der Sympathie für García Harfuch, sein Aussehen und sein Heldenstatus nun genutzt, um ihn als Präsidentschaftskandidaten für die nächsten Wahlen in 2030 aufzubauen. Obwohl Mexiko seit Jahrzehnten immer wieder spektakuläre Operationen gegen Drogenbosse erlebt hat, wurde die Macht der Kartelle nie gebrochen, sondern nur fragmentiert und umstrukturiert. Und der Skandal um den illegalen Erdölhandel zeigt, dass Politik, Institutionen und Militär immer noch tief verstrickt sind in das Organisierte Verbrechen, auch unter Regierungen, die mit dem Versprechen angetreten waren, gegen die Korruption vorzugehen. In diesem Ambiente ist das gesamte Auftreten von García Harfuch ein Hoffnungsschimmer, dass es nun anders und real sein möge und dass sein Vorbild auf andere abfärbe. Sippenhaft ist gerade in Ländern wie Mexiko durchaus realistisch, aber Menschen können sich weiterentwickeln und individueller handeln, nicht nur auf der Basis vergangener und aktueller Abhängigkeiten. Eine Frau als Präsidentin und Oberbefehlshaberin und ein Mann, der sich ihr und höheren Werten gerne unterordnet, sind jedenfalls ein großer Fortschritt in einem patriarchalen Land und System. Und dass Staatsdiener endlich einmal machen, wofür sie bezahlt werden, statt das Gegenteil, ist auch ein Fortschritt, der aber nur deshalb nun gefeiert wird, weil es in Mexiko immer noch so selten ist.
In letzter Instanz ist es aber so, dass die früheren Täter nun gegeneinander kämpfen und sich gegenseitig auslöschen. Ein paar der Täter, die Verantwortung und Empathie entwickelt haben, tragen nun ihr Karma ab und reparieren den Schaden durch Dienst an der Gesellschaft und García Harfuch ist offensichtlich einer von ihnen. Mexiko als Struktur war immer auf dem Genozid und dem Landraub der indigenen Völker aufgebaut. Nun zerstört sich das System also von innen heraus, wie psychologisch auch bei der Individualisierung des einzelnen Menschen falsche Selbstbilder abgestreift werden. In diesem Sinne ist García Harfuch trotz aller zur Schau gestellter Bescheidenheit noch darin gefangen, den er wendet als Staatsdiener – scheinbar legal – Gewalt an. Das patriarchale System des Staates wird ebenfalls von innen heraus aufgebrochen. Doch das Signal an die Gesellschaft, dass Gewalt und Mord nicht geduldet und bestraft werden, ist in sich unstimmig, wenn dabei ebenso Gewalt und Mord angewendet werden.
In der vierten Dimension kann der Mensch wählen und muss sich genau so entschlossen gegen Gewalt und Tod als Option entscheiden, um sich in die fünfte Dimension weiterzuentwickeln, wo Wahrheit, Gleichgewicht, Frieden und Liebe angesiedelt sind. Das ist der längere Weg, aber der einzige nachhaltige. Die fünfte Dimension, die den Menschen zu neuen Lösungen inspiriert, die nicht auf den bekannten basieren, ist der Faktor, der vom Staat nicht erkannt wird und nicht erkannt werden kann, weil er selbst ein Konstrukt der vierten Dimension ist.

